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JOHANNS WEG

Eine Pilgerreise zu Bach

 

Erzählt von Johannes Rosenstein

 

Auch diese Geschichte beginnt mit Regen und einem Telegramm, das der alte Dubinski meiner Mutter brachte. Er schüttelte den Regen vorwurfsvoll auf den Teppich, ließ sich mit einem Schnaps besänftigen, meine Mutter überflog die Zeilen, und weil sie eine praktisch denkende Frau war, schenkte sie sich zuerst ein, um zu trinken, und setzte sich dann hin, um zu heulen.

Dubinski begriff nicht recht, wandte sich an die Flasche, verdächtigte schließlich das Telegramm, begann es der schluchzenden Frau aus den verkrampften Fingern zu popeln, ganz gelang es ihm nicht, er legte die beiden Hälften nebeneinander, studierte sie, las von JOHANN TODKRANK STOP und CHNELL NACH HAMBURG SONST. Den Rest des Telegramms wollten die Finger nicht herausrücken.

Dubinski, alt, knittrig, tat das einzig Richtige: nämlich nichts. Saß solidarisch da, schwieg, schenkte Schnaps nach. Legte, als die Tränen sich festtrockneten, seinen Arm um meine Mutter, und strich mit einem karierten Taschentuch unbeholfen über Backen, Nase und was sonst noch an verquollenem Gesicht vorhanden war. Meine Mutter lächelte dünn, gerührt, ließ sich die Treppe ins Schlafzimmer hinauf stützen, bemuttern. Widersprach auch nicht, als Dubinski sie dem Bett übergab, zog ihn vielmehr zu sich, klammerte sich geradezu an seine mageren Schultern, suchte Wärme, Geborgenheit, Halt; fand schließlich zwischen seinen Beinen alles. Stöhnte. Schluchzte. In diesem Durcheinander wurde beides, wurden beide eins.

 

Zwischen Sulzkirchen und Hamburg liegen 598 Kilometer. Im Winter 1945 lagen zwischen dem Marktflecken in der Oberpfalz und der Hansestadt Tausende von Meilen und zwei Ozeane. Kein Mensch besaß ein Auto, und wer eines besaß, konnte kein Benzin kaufen. Auf den Straßen schleppten sich die Heimkehrer in die eine, Flüchtlinge in die andere Richtung. Beide Gruppen - groß, kaputt, hungrig - verstopften die Bauernhöfe und schlugen alles zu Brennholz, was ihnen unter die Äxte kam. Eisenbahnen verkehrten nicht, denn was an Schienen übrig geblieben war, verrostete vor Birkenau und Treblinka.

Außerdem brauchte man unzählige Passierscheine, um zwischen den Besatzungszonen hin- und her zu reisen, denn Amerikaner, Russen, Franzosen und Engländer waren sich zunehmend uneins über die Zukunft Deutschlands, kurz: An ein Durchkommen war gar nicht zu denken.

Wer dennoch daran dachte und alles Erdenkliche in die Wege leitete, um von Bayern nach Hamburg zu fahren, war meine Mutter. Ihr Mann Johann - ob verwundet oder krank, war dem Schrieb nicht zu entnehmen gewesen - lag kurz vor einem sicherlich schmerzhaften Ableben in einer zerbombten Hamburger Kirche, in der er zuerst den Nazis und nun den Amerikanern als Pastor diente. Gedient hatte, wie meine Mutter in Gedanken bereits korrigiert, denn dass ihr Johann sterben würde, das stand für sie so fest wie das Vaterunser nach der Predigt. Sie wusste nur nicht, wie lange Johann noch zu leben hatte, aber just deswegen durfte sie keine Zeit verlieren. Eile tat not.

Sie bekniete Dubinski so lange, bis er ihr das wertvolle Fahrrad überließ, mit der er seine spärliche Post auszutragen pflegte. Wenn sie nur sechzig Kilometer am Tag schaffte, wäre sie in zehn Tagen bei ihrem Mann, rechnete meine Mutter. Über Genehmigungen, Geld und Lebensmittel machte sie sich so gut wie gar keine Gedanken. Einzig die Orgelwerke und Choralbearbeitungen von Bach nahm sie mit, denn sie war Organistin und etwas Wertvolleres als Noten besaß sie nicht - und etwas Wichtigeres als diese Noten existierten in ihrer Welt auch gar nicht.

 

Ich habe das Konzert für Violine, Streicher und Basso Continuo in E-Dur von Johann Sebastian Bach das erste Mal gehört, als ich noch gar nicht geboren war. Meine Mutter liebte das Stück und weil sie in den Jahren vor, während und nach dem Krieg keine Aufnahme davon besaß, sang sie den Allegro-Satz gern leise vor sich hin. Die Konzerte für Violine und Orchester gehören zu den Werken Bachs, die sich jeder Analyse entziehen und über die der Biograph Forkel beredt bemerkte: "Man kann von ihrer Schönheit nie genug sagen."

In den Streichkonzerten steckt die ganze Liebe Bachs zu Bratsche und Violine. Bach arbeitete  ja, was gern vergessen wird, nach dem Gymnasium zunächst als  Geiger in der Kapelle des Bruders vom regierenden Herzog Johann Ernst zu Weimer. Er blieb  allerdings nur etliche Monate, solange nämlich, bis ihm eine Stelle als Organist an der Neuen Kirche zu Arnstadt angeboten wurde. Dort legte er dann den Grundstein für seine Meisterschaft an der Orgel.

Da man ihn nur dreimal in der Woche diensteshalber benötigte, hatte er genügend Zeit, sich mit Chorälen zu beschäftigen. Die Liebe zu der Königin unter den Instrumenten fand ihren Höhepunkt in einem vierwöchigen Arbeitsurlaub nach Lübeck zum Orgelmeister Buxtehude, ein Aufenthalt, den Bach eigenverantwortlich auf zwei Monate verlängerte. Die Kirchenleitung, wenig erbaut von Bachs Eigenmächtigkeit, nutzte die Gelegenheit, den Kantor auch wegen seiner extravaganten Choralbegleitung zu tadeln. Zwei Sitzungen später wurde ihm zusätzlich vorgeworfen, mit einer "fremden Jungfer" in der Kirche musiziert zu haben. Bach entschuldigte sich damit, es habe sich um ein rein privates Musizieren gehandelt - nicht um ein Auftreten der "fremden Jungfer" in einem Gottesdienst. Das wäre unter allen Umständen verboten gewesen: nicht einmal in Hamburg war es seiner Zeit gestattet, Frauen in der Kirche singen zu lassen - eine Tatsache, die meine Mutter, eine Gerechtigkeit liebende Frau, enorm entrüstete. Vielleicht war sie Organistin geworden, um hochoffiziell und amtlich Kirchen bespielen zu dürfen.

 

Meine Mutter klemmte also an einem nebligen Dezembertag im Jahr 1945 eine löchrige Reisetasche auf den Gepäckträger, stopfte ihre Hände in zwei Hasenfelle, beschloss, Schnee und Wind zu ignorieren, und radelte los. Radelte den Berg von Sulzkirchen hinunter nach Kruppach, passierte die Freystädter Stadttore und kurz darauf den Dom. Summte, teils als Erinnerung an den ehemaligen Arbeitsplatz, teils zur eigenen psychologischen Erbauung,  Auf auf, mein Herz, mit Freuden, nimm wahr was heut geschieht! Wie oft hatte sie dieses Lied am Ostergottesdienst gespielt, hatte versucht, wie Bach, die bildliche Sprache der Verse musikalisch nachzuempfinden. Manchmal, an guten Tagen, erkannte sie in ihren improvisierten, überschwenglichen Tonarabesken über ruhigen Harmonien das große Vorbild wieder. Meistens hörte sie nur ihren - vermeintlichen - Dilettantismus heraus, ließ  sich davon dennoch nicht entmutigen. Damals in der Kirche nicht, und jetzt auf Dubinskis Postrad ebensowenig.

Die ersten zwei Tage vergingen mehr oder weniger ereignislos, denn ihr Weg führte sie über grundsätzlich bekanntes Terrain. Mit Johann hatte sie ausgedehnte Fahrradtouren und Wanderungen unternommen, mit Rucksack, gekochten Eiern und Mücken. Außerdem war sie ja immer noch in der amerikanisch besetzten Zone. Die erste Nacht verbrachte sie bei einer Pfarrfamilie in einem Nest hinter Nürnberg, eine weitere bei dem Meßner von Weichengereuth. Der Pfarrfamilie, personenstark, pietistisch, politisiert, spielte sie eine Choralbearbeitung über Ein feste Burg vor - was sonst - , der Meßner, schwerhörig, sauertöpfisch, schlitzohrig, bekam dafür - auswendig und leidlich improvisiert - das Italienische Konzert. Kirchenlieder, so meinte er, höre er tagtäglich, in seiner Freizeit wolle er sie nicht auch noch ertragen müssen.

 

Ab dem dritten Tag wurde die Reise zur Qual. Marschall Schukow, der Eroberer Berlins und Leiter der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, hatte den größten personellen Aufwand betrieben und ließ sein Reich durch ein Heer russischer Beamten und Soldaten einerseits bewachen, andererseits verwalten. Nachdem die Daten meiner Mutter von den amerikanischen Grenzern bei Ludwigstadt penibel und fast teilnahmsvoll aufgenommen worden waren, ließen sich die russischen Kollegen drei Kilometer weiter, in Probstzella, von ihrer Geschichte absolut nicht beeindrucken. Weder ihr weiblicher Charme noch die rührende Traurigkeit, mit der meine Mutter ihre Liebe zu Johann bekundete, vermochte die jungen Männer zu überzeugen. Sie standen trotzig da, pelzbemützt, das Gewehr im Anschlag, mit ausdruckslosen Augen und frierenden Nasen. Immerhin gelang es meiner Mutter, den Namen des wachhabenden Offiziers herauszufinden, eines gewissen Aleksander Ojutsk, der allerdings erst einen Tag später zu sprechen sein würde.

Meine Mutter dankte artig, schob ihr Fahrrad außer Sichtweite, bog in einen Feldweg ein, beschloss, einen Umweg in Kauf zu nehmen und über die grüne Grenze weiter Richtung Norden zu fahren. Sie hatte nicht mit der Hartnäckigkeit der frierenden Soldaten gerechnet, die, froh, etwas zu tun zu haben, die Idee meiner Mutter mittels eines Feldstechers sofort und im wahren Wortsinne durchschauten. Kaum war sie ein Kilometerchen geradelt, stellte sich ein Halbstarker mit grauem Mantel auf den Weg, fuchtelte mit den Armen, und weil er dabei ein Gewehr auf sie richtete, ließ meine Mutter sich nicht auf eine Diskussion ein, sondern stieg ab, lächelte dünn und trottete vor dem Soldaten zurück auf die Hauptstraße.

Diese Nacht schlief meine Mutter kaum: zu hart war die Bank, auf der sie lag, zu kalt, zerbombt und zugig der Ort, eine Bahnhofswartehalle.

 

Warum sie unbedingt durch die sowjetische Zone reisen musste, habe ich lange nicht verstanden, und meine Mutter hat beharrlich geschwiegen. Es wäre so viel einfacher gewesen, ein paar Kilometer länger zu fahren, und irgendwo hinter Fulda direkt in die britische Besatzungszone zu wechseln. Ich vermute, hinter der Entscheidung steckte wieder einmal Bach. In Mühlhausen in Thüringen, wo er als Organist brillierte und als Musiklehrer vor unflätigen Bengeln scheiterte, hat er 1707 seine Cousine Maria Barbara geheiratet. Da musste meine Mutter natürlich vorbeischauen. In Köthen, am Hof des Fürsten Leopold, stand ihm ein gutes Jahrzehnt später ein kleines Orchester zur Verfügung, hier entstanden die meisten seiner Instrumentalkonzerte, herrliche Musik, obwohl in Orchestrierung und Besetzung   aus der Not geboren. Es war ja kein großes Orchester, und Bach musste zusehen, wie er mit einer beschränkten Anzahl Musiker zurecht kam, ohne dass die Konzerte dünn und haltlos klangen.

 

Ich weiß nicht, mit welcher internen Begründung meine Mutter ihre Reise gegen alle Widerstände durchzog: ihr Motor war die Hoffnung, ihren Mann Johann noch lebendig vorzufinden. Den Treibstoff für ihren Motor aber lieferte mit Sicherheit ein anderer Johann: Bach. Bach ließ sie am Morgen des vierten Tages von der steinharten und eiskalten Bank aufstehen, Bach ließ sie mit der Melodie der Badinerie aus dem Streichkonzert in d-Moll im Kopf zum Kommandanten Ojutsk fahren, Bach ließ sie die sprachlose Demütigung der Soldaten ein weiteres Mal ertragen, und Bach war es schließlich, der den hageren Kommandenten dazu brachte, meiner Mutter einen Passierschein für die sowjetische Besatzungszone auszustellen. Aus der Probstzellaer Kirche nämlich hatte der musikbegeisterte Ojutsk ein transportables Harmonium konfisziert, das nun als wuchtiges Möbelstück die ansonsten charakterlose Amtsstube verschönerte. Der Blick meiner Mutter fiel sofort auf das Instrument, aber sie  wagte nicht, ohne Erlaubnis darauf zu musizieren. Ojutsk hörte sich erst ihre Geschichte an, starrte desinteressiert an meiner Mutter vorbei, erst als sie erzählte, dass ihr Mann Johann Pastor und sie selbst Organistin wäre, wachte er auf.

Ob sie ihm etwas vorspielen könne.

Gewiss doch, meinte meine Mutter.

Dann solle sie bitteschön beginnen.

Meine Mutter, die einen Tag lang nichts gegessen hatte, taumelte zum Harmonium, spielte, ohne zu überlegen, Allein Gott in der Höh' sei Ehr'.  Es fehlte nicht viel, und sie hätte dazu gesungen. Ojutsk winkte ab. Das Stück klänge ihm doch recht religiös, sie möge bitteschön etwas Weltliches zum Besten geben.

So spielte meine Mutter die Badinerie, die ihr seit dem Morgen im Kopf herumflog. Hängte, weil das Stück sehr fröhlich und dementsprechend kurz war, gleich den besagten Allegrosatz des E-Dur-Konzerts hinten dran. Sank, als sie fertig war, in sich zusammen.

Ojutsk hatte die Augen geschlossen. Vor seiner Tür lauschte der Sekretär, und sogar die halbstarken Soldaten vor dem Gebäude blickten weniger finster aus ihren Pelzmützen. Ojutsk ließ die Klänge durch seine Ohren und in sein bürokratisches Herz reisen, und merkte erst gar nicht, dass meine Mutter erschöpft und ohnmächtig vom Hocker gerutscht war. Mit einem heißen, süßen Tee brachte er sie wieder zur Besinnung, mit dem unterschriebenen Passierschein brachte er sie zur Tür.

 

So fuhr meine Mutter auf dem Weg zu ihrem Mann an Bachs Leben und Städten vorbei. Sie spielte auf Ziehharmonikas und Klavieren für eine Suppe und ein Bett. Wenn keiner sie aufnehmen konnte oder wollte, suchte sie sich eine Bahnhofshalle oder einen Heuschober. Sie verlor vier Zehen, als sie zwei Nächte hintereinander im Freien schlafen musste, und das Blut einfach nicht mehr in die äußersten Körperteile fließen mochte, weil es genug damit zu tun hatte, die Notversorgung aufrecht zu erhalten. In diesen Nächten spielte meine Mutter auf einer imaginären Orgel sämtliche Stücke, die ihr einfielen, um zu verhindern, dass ihr auch die Finger totfroren. Präludium und Fuge in c-Moll, das halbe evangelische Gesangbuch, und immer wieder Auf auf, mein Herz, mit Freuden. Die Texte gaben ihr Kraft. Die Musik erhielt sie am Leben.

 

Die britischen Militärs waren kaum freundlicher als die russischen, aber meine Mutter konnte sich immerhin mit ihnen verständigen. Die Briten hatten ihre Zone ungeachtet früherer Grenzen erst einen Monat zuvor in Niedersachen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und den Stadtstaat Hamburg geteilt, sie radelte und schob ihr Fahrrad über Celle, Braunschweig, Harburg in die Hamburger Innenstadt. Fand die St. Jakobikirche, wo ihr Johann sterben sollte. In eben dieser Kirche hatte sich Bach 1720 erfolglos als Kirchenmusikdirektor beworben. Und hier, auf einer Kirchenbank in Decken eingewickelt, lag jetzt ihr Mann. Auf jeder der Bänke lagen und stöhnten Menschen, Blut tropfte aus schmutzigen Kopfverbänden, ein paar Schwestern wuschen mit heißem Wasser die hartnäckigsten Eiterpfützen aus. Johann stöhnte nicht. Meine Mutter kniete sich neben ihn, drückte seine Hand und summte Ein feste Burg ist unser Gott. Johann öffnete kaum die Augen, summte mit.

Meine Mutter hatte immer gewusst, dass Johann keine Kinder zeugen konnte. Johann wusste es nicht und wenn er es ahnte, so hatte er die Ahnung unterschlagen. Meine Mutter flüsterte ihm ins Ohr:

Weißt du was, Johann?

Johann sagte nicht, schüttelte nicht mal mit dem Kopf, hielt einfach nur ihre Hand.

Ich bin schwanger, Johann, sagte meine Mutter.

Johann fragte nichts, antwortete nichts, drückte nur fester ihre Hand. Rein rechnerisch war es möglich.

Dann summte meine Mutter ihren innig geliebten  Allegro-Satz aus dem Konzert in E-Dur für Violine, Streicher und Basso Continuo. Johann legte die Hand auf ihren Bauch, während meine Mutter die Melodie sang.

Und wenn man sich ganz stark konzentriert, meint man, ein Paar Füßchen zu hören, die den Takt dazu schlagen.