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c.v.

 
 

Die Dogge
 

Regine Sommers Dogge ist ein häßliches Tier, das wäßrigblaue Augen hat und häufig an den Ohren leidet.
Ende der 90er Jahren klaut ein Weinhändler aus dem Badischen den Doggenwelpen einem einäugigen Punk,
weil der ihm vor seinem Stand die Kunden vergrault. Der Weinhändler flößt dem Punk großzügig seinen
schlechtesten Jahrgang ein, stülpt einen Weinkarton über das hässliche Hündchen und macht Anstalten, seinen
Stand zu schließen.
Der Punk blickt besoffen durch sein restliches Auge, grinst dankbar, zieht weiter.

Der Doggenwelpe wird der Frau des Weinhändlers zum Geburtstag vermacht. Sie heißt Lola, rund, schnell und
blind. Sie schließt das Tier sofort in ihr Herz und tauft es Emil.
Emil soll ihr als Blindenhund zur Seite gehen und wird  Zweck entsprechend ausgebildet.
Anderthalb Jahre drückt Emil die Schulwiese der Städtischen Hundeschule, als einzige Dogge unter lauter
Schäferhunden, die sich eine Menge auf ihren Stammbaum einbilden. Der Verein für Deutsche Schäferhunde
protestiert auch gewaltig, beruft sich auf Rittmeister von Stephanitz, den Gründer des ersten
Schäferhundevereins 1899, und auf Horand von Grafrath, den Stammrüden aller heutigen Schäferhunde.
Der Weinhändler  flößt den Vereinsmeiern großzügig seinen besten Jahrgang ein, besoffen unterschreiben sie
diverses Papier und fortan ist Emil offizieller Blindenführhund zur Ausbildung in der Schule Preußenblut.
Im Zentrum der Ausbildung steht Herr Mayr mit a y und ohne e, und im Zentrum von Herrn Mayr hängt eine
Pfeife. Diese oft und lautstark benutzend, marschiert Herr Mayr durch Preußenblut, was Emil auf den Geist und
mehr noch auf die Ohren geht. Wie alle großen Hunderassen ist die Dogge sehr sensibel, aber Emil ist
richtiggehend ein Sensibelchen. Lautes Lachen, Kreischen, Pfeifen sind ihm absolut zuwider.
Ansonsten absolviert er alle Übungen mit Bravour, lernt Vorausgehen, seinen Schritt dem jeweiligen Herrchen
oder Frauchen anpassen, übt sich in Gelassenheit, widersteht allen Versuchungen am Wegesrand, wie andere
Hunde oder anderer Hunde Urin, kann auf große Entfernungen nicht nur Rot und Grün der Fußgängerampeln
unterscheiden, sondern auch, ob es sich um ein West- oder Ostampelmännchen handelt.

Nur wenn Herr Mayr mit a y seine Pfeife zwischen die Zähne steckt und trillert, versagt Emils Disziplin. Dann
leiden seine Ohren dermaßen, dass er entweder stocksteif stehenbleibt und nicht mehr weitergeht, egal ob an
der Straße oder auf der Straße, oder er rennt wie ein wildgewordener Pudel auf und davon.
Bevor Lola, die runde Weinhändlerin, jedoch in den Genuß von Emils Qualitäten kommen kann, erschießt der
einäugige Punk während eines Banküberfalls aus Versehen das blinde Frauchen. Er wandert ins Gefängnis,
der Weinhändler gibt eine Annonce in der Hörspielausgabe der ZEIT auf, „Trainierte Dogge sucht blindes
Herrchen", eine Woche später meldet sich Regine Sommer aus Berlin, man handelt Kaufpreis und Lieferzeit
aus, und nach einer weiteren Woche unternimmt Emil seine erste Reise in einem ICE.
In Berlin, genau auf der Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg, im Niemandsland  Weserstraße, lebt Regine
Sommer in einer Hinterhofparterrewohnung, die sie jeden Tag mit einem feuchten Tuch auswischt.
Wenn Emil sein Führergeschirr trägt, hat er Dienstzeit. Nimmt man das Aluminiumkorsett ab, signalisiert das
Freizeit. Der Weinhändler schärft Regine Sommer ein, dem Hund in jedem Fall viel frei zu geben - ein
Blindenhund ist nur so gut wie seine Ausdauer, sagt er. Stundenlang keine Parkbänke anpinkeln, an fremder
Hunde Schwänze schnüffeln oder Kaninchen in der Hasenheide jagen dürfen, haut die stärkste Dogge um, auch wenn sie kastriert ist.
Regine Sommer verspricht, auf alles zu achten. Der Weinhändler kann sich kaum von ihr losreissen, so sehr
erinnert Regine Sommer ihn an seine Lola, dabei ist sie dürr wie Spargel. Aber die Blindheit verbindet die
beiden Damen: auch Regine Sommer schaltet automatisch das Licht an, wenn sie sehenden Besuch empfängt.
Nur dass sie sich gelegentlich irrt, weil sie nicht mehr weiß, ob das Licht noch an oder schon aus ist. So sitzen
die beiden Herrschaften im Dunkel des Wohnzimmers, schlürfen Sherry und lassen Emil in Ruhe die Wohnung
entdecken.
Der Weinhändler fährt mit dem Nachtzug zurück ins Badische, und am nächsten Tag unternehmen Regine
Sommer und Emil ihren ersten gemeinsamen Spaziergang.

Regine Sommer ist eine Frau, die denkt wie folgt: Man müßte doch eigentlich mal. Dann tut man's. Und
hinterher stellt man fest: ist gar nicht nötig gewesen!
Diese zaudrige Art zu denken liegt daran, dass sie keinen Mann mehr hat. Deshalb putzt sie auch so viel.  Die
Wohnung ist der Spiegel der Seele, da will Regine Sommer durchlaufen und sich nicht ständig nach Staub
bücken oder feststellen: Ach. Was klebt dann da an meinen Erinnerungen?

Eine Dogge ist natürlich kein Ersatz, aber ein Anfang. Emil ist ihr erster Hund, Karl ihre dritte Scheidung.  Karl
geht eines Tages zur Bank, platzt mitten in einen Überfall, wird erschossen. Er und Regine hatten die Scheidung allerdings bereits in der Tasche.

Regine Sommer läuft also mit  Emil über den Hermannplatz, wo im Jahr statistisch gesehen die meisten Unfälle
Berlins stattfinden, im Durchschnitt zwei pro Tag. Regine Sommer scheint immer dann vorbeizukommen, wenn
gerade keiner passiert, sie überlegt, ob an anderen Tagen dann vier oder sechs Unfälle vorkommen, damit die
Statistik wieder stimmt.
Emil braucht drei Stunden, dann versteht er den Ort. Es gibt zwei bescheuerte Ampelfrequenzen, vier relativ
sichere Übergänge, einen MacDonalds, von dessen Hackfleischduft er sich nicht ablenken lassen darf, und im
Notfall das Urbankrankenhaus.

Zweimal in der Woche trifft Regine Sommer Mitblinde des Vereins „Der blinde Fleck" in der Oranienstraße,
gegenüber vom Bierhimmel. Außen ist ein Laden, da werden Weidenkörbe, Wurzelbürsten und Holzautos, von
Blinden gefertigt, verkauft. Jeder steht für ein paar Stunden ehrenamtlich hinter der Kasse, Regine Sommer
kann das Zeug allerdings nicht mehr sehen, sie arbeitet deswegen mit, weil Bert Pückler sie ablöst und Regine
Sommer hat ein Auge auf Bert Pückler geworfen, wenn man so will.
Bert Pückler ist groß, hat raucht Zigaretten ohne Filter, er ist notorisch gut aufgelegt und hat einen Blindenhund,
Tabor.
Weil für Regine Sommer die  Einsamkeit abendfüllend ist, hat sie sich zum Zwecke einer Anbahnung Emil
angeschafft hat. Sie hofft, vom Thema Hund zum Thema Zweisamkeit überzuleiten, mittels der Taktik
Gemeinsame Interessen. Ein Hund, schlußfolgert sie, erhöht den Flirtfaktor um ein Vielfaches, besonders bei
einem Blinden.
Bert Pückler kann auch ein Blinder nicht übersehen, denn alles, was er tut, tut er laut. Die Glocke im Laden
schellt lauter, wenn er eintritt, sein Stampfen erinnert an eine Armee, und dröhnend ruft er: Grüß dich, Regine!
Alles im Lot?
Bei Regine ist alles im Lot, sie übergibt die Kasse, fragt nach Befindlichkeiten, bei Bert ist auch alles im Lot,
noch nie hat er über irgendetwas geklagt, das macht sie mißtrauisch, und zum Schluß stellt sie beiläufig fest,
dass sie jetzt Emil zur Begleitung hat. Emil und Tabor haben sich schon entdeckt, beschnüffelt und für hundegut
befunden.
Bert Pückler streichelt laut die Dogge, äußert sich anerkennend über Größe des Tiers und Dichte des Fells,
fragt nach Ausbildung und Eingewöhnung. Regine Sommer gibt vor lauter Glück nur einsilbige Antworten und
ärgert sich im gleichen Augenblick über sich selbst. Man könne ja mal einen Spaziergang zusammen machen,
brüllt Bert Pückler. Ja, wirklich, warum nicht, das könne man, wenn sie es sich richtig überlege, da wäre sie gar
nicht drauf gekommen. Jetzt betritt ein Kunde den Laden, die Verhandlung wird abgebrochen, Termin und Ort
für die Fortsetzung verabredet, nach verschiedenen Seiten ab.

Emil kann gar nicht erwarten, dass Führergeschirr loszuwerden, er findet, er hat heute genug gearbeitet,
außerdem trifft man nicht alle Tage einen so netten Labrador wie Tabor. Emil verkörpert die ziellos-hechelnde
Freude eines Hundes, der nicht weiß, wohin mit sich.
Regine Sommer kann es auch nicht erwarten, nach Hause zu kommen, sie will einen Kuchen backen, um für
den Spaziergang gerüstet zu sein. Eine militärische Operation, wie die Eroberung eines fremden Landes oder
eines fremden Menschen, verlangt neben Strategie, Durchhaltevermögen auch Proviant.

Am übernächsten Tag ist es soweit. Regine Sommer wacht auf mit dem Gefühl, das Leben hat sie mit
jemandem verwechselt. Emil ist auch zappelig, weil er merkt, dass neben Kuchenduft noch etwas anderes in
der Luft liegt. Er weiß nur nicht, was es ist. Hunde können zwar lieben, aber nicht die Liebe denken. Das
unterscheidet sie von Priestern oder Huren, bei denen ist es umgekehrt.
Regine Sommer wickelt den Kuchen in Aluminumfolie, die sie Wochen vorher als Abdeckung für einen
Kartoffelsalat verwendet hat. Sie legt Emil das Führgeschirr um, knipst das Licht an und beide verlassen die
Wohnung, laufen im  Niemandsland zwischen Neukölln und Kreuzberg zum Hermannplatz, Emil bleibt hinter der
Commerzbank stehen, hier lauert die erste bescheuerte Ampel.

Regine Sommer bleibt auch stehen, wartet geduldig auf Emil, der fixiert das rote Ampelmännchen.  Die
Mountainbikefahrer kümmern sich nicht um die Ampel, sie gucken aus den Augenwinkeln auf den Verkehr,
bevor sie über die Straße rasen. Emil wartet auf Grün, er visiert die Rechtsabbieger, die halten brav, Emil setzt
seine Tatzen auf das Pflaster und Regine Sommer setzt sich in Bewegung. Jetzt sind sie am Karstadt, neben
dem AIDS-kranken Bettler, verabredet haben sie sich mit Bert Pückler und Tabor auf dem Platz auf dem
Hermannplatz, wo Vietnamesen Zigaretten und Tschechen Strichjungs verkaufen, an der Litfaßsäule mit dem
Uraniaplakat. Die Ankündigungen hängen immer sehr tief, auf Emils Augenhöhe, anscheinend hat Urania,
griechisch „die Himmlische", die Muse der Astronomie, nicht das Geld, die Plakate etwas höher zu hängen.
Emil schnuppert. Der MacDonalds ist auf der anderen Straßenseite, das ist es nicht. Die vielen Leute, die mit
frischer Wurst aus dem Supermarkt kommen: schon eher. Das alte Frittenöl vom Imbiß  stinkt nach Fisch, findet
Emil. Aber eigentlich geht es um Tabor, dessen Witterung hat er aufgenommen, ihn sucht er jetzt. Der Wind
steht günstig, ein Rest Urin hängt an der Bushaltestelle, Emil beschnuppert die Säule ausgiebig, pinkelt
ebenfalls dran, nein, das ist nicht Tabor. Regine Sommer ist selbst ganz hibbelig, sie kriegt gar nicht mit, was
Emil umtreibt.

Jetzt jault Emil kurz auf, und kurz darauf jault es zurück. Das ist Tabor, da besteht nicht der geringste Zweifel,
Tabor führt gerade seinen Bert aus dem U-Bahn-Schacht, schleust ihn an den Zigarettenhändlern vorbei,
verabredet sich jaulend mit Emil. Wir haben es mit verliebten Hunden zu tun, wie es aussieht. Emil und Tabor
sind schwul, sie sind disziplinierte Blindenführhunde, sie pissen gegen Papierkörbe und das ist gut so.
Liebe macht blind und erhöht die Telefonrechnung, das ist genauso bei Hunden wie bei Menschen: jede Minute
des Wartens senkt die Bereitschaft, die Zeit vorwurfsfrei miteinander zu verbringen. Der Liebende ist der
Wartende, selbst wenn er absichtlich zu spät kommt.  Emil scharrt mit den Pfoten auf dem Pflaster, Regine
Sommer auch, sie hüpft von einem Bein aufs andere.

Bert Pückler mahnt seinen Tabor, bei Fuß zu gehen und mit dem Winseln aufzuhören. Tabor verlangsamt nur mit Mühe sein Tempo, er zieht und zerrt heftig an dem Geschirr. Da wird es dem Bert Pückler zu bunt, und weil er gewohnt ist, sich laut auszudrücken, zieht er seine Pfeife aus der Tasche, und dann pfeift der Pückler mit ü und e-r, dass Tabor Hören und Sehen vergeht.
Emil vergeht Hören, Sehen und die Disziplin, er kümmert sich nicht mehr um das Ampelmännchen, auch nicht
um die Sommer im Schlepptau, er rast mit der verwirrten Frau auf die Fahrbahn, ein Mountainbikefahrer kann
gerade noch ausweichen, ein türkischer Dönerlaster nicht mehr, und Regine Sommer muß jetzt nicht mehr
darüber nachzudenken, ob das mit zwei Unfällen am Hermannplatz pro Tag stimmt, sie gehört jetzt, mit Emil, zur Statistik.
 
 
 

short story by Johannes Rosenstein  10997 Berlin
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june july 2001