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c.v.

 
 

Zwischen Soljanka und Hamburger.
Estnische Jugendliche im Um- und Aufbruch.

Stimmen und Stimmungen
eingefangen von Johannes Rosenstein
 

Zum Beispiel Reet Parts. Beim Abschluß des Sängerfestes, das alles fünf Jahre in Tallinn stattfindet, steht sie
mit 24,000 anderen Sängern auf der Bühne, und später sagt sie: Das ist ein sagenhafter Moment, das kann
man sich nicht vorstellen, wenn so viele Menschen auf einmal singen. Und du gehörst dazu. Das ist ein
wunderbares Gefühl.

Reet: 29, hat in Tartu Germanistik studiert, zwischendurch in Frankfurt, und jetzt arbeitet sie als
Sachbearbeiterin in einem Amt, da müssen Texte geschrieben und übersetzt werden. Kurze braune Haare trägt
sie, und lieber Röcke als Hosen.
Reet ist eigentlich die Kurzform von Margareet, erklärt Reet, aber Margareet klingt so alt. Also Reet. Fangen wir
doch gleich an. Wie ist das, Europa, wie real ist das für dich? Was bedeutet das?
Gleich, gleich. Du hast doch in der Einleitung was über das Sängerfest geschrieben. Aber keiner weiß doch,
was das ist. Das mußt du erst mal klären, finde ich.
Also gut.

Das Sängerfest: ist eine Tradition, die dieses Jahr ihr 130jähriges Entstehen feiert. Das erste gesamtestnische
Liederfest fand 1869 in Tartu statt. Singen ist tief in der kulturellen und nationalen Überlieferung verwurzelt, auch,
weil das Lied als Träger von Nationalbewußtsein, Geschichte und Tradition in einem Land, das die meiste Zeit
seines Bestehens unter Fremdherrschaft stand, eine besondere Rolle spielt. Auch hängt die Emanzipation der
Esten, das sogenannte „Wiedererwachen“ des nationalen Bewußtseins, eng mit dem 1857 neu gedichteten
Epos „Kalevipoeg“ (Der Sohn des Riesen Kalevi) zusammen, einer Verssammlung, die auf Volksliedmotiven
beruht.

Zufrieden?
Naja, halbwegs. Umständlich trocken. Lehrbuchhaft.
Tut mir leid, das sind historische Tatsachen, die kann ich doch nicht locker flockig---
Nee, schon klar, aber... das finde ich wieder, was ich dir schon mal gesagt habe, ziemlich deutsch. Es gibt so
eine Art deutsche Mentalität, mit der kann ich nicht so viel anfangen.
Aha, und trockene Information zu geben ist also deutsch...
... außerdem ist deine Definition nicht so klar: Warum spielt denn das Lied eine solche bedeutende Rolle?
Darauf gehst du gar nicht ein!
Weil --- naja, wenn du als Volk nie Gelegenheit hattest, bis auf die paar Jahre kurz nach dem ersten Weltkrieg,
dich als unabhängiges, eigenständiges Volk zu fühlen, dich selbst zu regieren, wenn immer andere die
Herrschaft ausübten, Dänen oder Russen, Schweden oder Deutsche, dann brauchst du Ausdrucksformen, um
das Eigene, die eigene Kultur zu bewahren, weiterzugeben, überhaupt zu pflegen. Und eine dieser Formen ist
eben das Lied. - Reicht das?
Erst mal schon, sagt Reet.

Das mit Europa, das ist auf der einen Seite ziemlich einfach. Ich bin dafür, daß Estland zur EU beitritt, weil wir
zahlreiche Beziehungen zu Ländern haben, die in der EU sind: Schweden, Finnland, Deutschland, das sind in
der Regel wirtschaftliche Gründe. Estland ist noch nicht soweit, das wird noch einige Jahre dauern. Aber wenn
es dann konkret wird, wenn man anfängt zu verhandeln, dann sind wir sicher in einer Position, in der wir sagen
können: ‘Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht’, wie die Politiker gerne meinen. (Reet)

Es ist ein Mosaik. Ich wollte keinen Bericht schreiben, dessen Struktur eine Ordnung oder Chronologie
nahelegt, die womöglich gar nicht existiert. Authentizität steht für mich im Vordergrund, und wenn ich den
Eindruck der Authentizität dadurch erreichen kann, daß ich meine Reise Steinchen für Steinchen
zusammensetze, im Dialog mit meinen Gesprächspartnern statt im Monolog mit meinen Klischees, dann ist das
für Sie als Leser oder Leserin bisweilen vielleicht anstrengender als ein Text aus einem Guß. Sie müssen hin-
und herspringen zwischen verschiedenen Gesprächs- und Informations- und Reflektionsebenen. Aber möchten
Sie denn wirklich lieber mehr Zeitungsdeutsch? Wie das Folgende?

Die erste Auslandsreise des im März 1999 wiedergewählten estnischen Premierministers führte im April zum
Deutsch-Estnischen Wirtschaftstag auf die Messe in Hannover. Mart Laas zog eine positive Bilanz der
estnischen Wirtschaftspolitik und forderte in einem Nebensatz die Deutschen auf, sich stärker in Estland zu
engagieren. Die Zahlen sind beeindruckend: Die radikalen Reformen seit 1992 haben die Inflationsrate von
1000% auf 5% gesenkt, der Wechselkurs (angebunden an die DM) ist nach wie vor stabil, mehr als 60% des
Handels wird mit der EU  betrieben.
Laas: „Die besten Fürsprecher für Estland sind seine Taten, nicht die Wörter. Die erfolgreiche Entwicklung der
estnischen Wirtschaft, dazu die Tatsache, daß Estland so klein ist, schafft gute Voraussetzungen zu einer
schmerzlosen und schnellen Einschmelzung in die EU. Die Priorität für Estland ist der Wunsch, seinerseits bei
den noch erfolgreicheren Reformen und Entwicklung (sic) Europas mitzuhelfen, und nicht die Hoffnung, nur an
den Vorteilen, die die EU zu bieten hat, teilzuhaben.“
Soweit der Ministerpräsident.

Bleiben wir lieber bei der Mosaiktechnik.
Ich habe während meines Studienaufenthalts im Juli 1999 versucht, Stimmen und Stimmungen von
Jugendlichen in bezug auf die europäische Integration einzufangen. Ausgehend von einem Kontakt, den ich bei
einem früheren Aufenthalt geknüpft habe, konnte ich mit einigen Leuten zusammenkommen, in deren
Biographie sich die wechselvolle Geschichte des Landes spiegelt. Meine Interviews stellen bestimmt keinen
repräsentativen Querschnitt dar, aber sie zeigen eine Tendenz, einerseits; andererseits mußte ich feststellen,
daß die Brille, durch die ich meine Reise betrachten wollte, nicht auf die richtige Schärfe eingestellt war: die
Soljanka  meiner Überschrift ist längst dem Hamburger gewichen - und nur aus Gründen der Rhetorik im Titel
verblieben. Mit anderen Worten: Die „Zwischen-Zeit“, die Übergangsperiode zwischen sowjetischer Herrschaft
und westlicher Neuorientierung, auf deren Suche ich mich gemacht hatte, existiert weder als politisches
Provisorium noch als wirtschaftliches Vakuum, sondern ist sehr konkret und stetig: die Annäherung an den
Westen (um bei einem zwar ungenauen, aber eingebürgerten Begriff zu bleiben).

Karin: Ich denke, daß Estland realistisch gesehen, ab 2002, 2003 in der Lage sein wird, die
Maastricht-Kriterien für einen Beitritt zur EU zu erfüllen. Was Lettland angeht, da bin ich ähnlich optimistisch, da
hat es nach einer Flaute doch wieder einen Aufschwung gegeben, und die Letten unternehmen auch alles, um
den Kriterien zu entsprechen. Nur Litauen ist ein wenig problematisch, weil dort die Privatisierungen längst nicht
so weit fortgeschritten sind wie hier.

Karin Maandi ist auch 29, und sie arbeitet für den Premierminister Maart Laas, sie entwirft Reden  oder
überarbeitet Texte und beschäftigt sich zur Zeit mit der Koordination derjenigen Stellen, die eine Verwaltungs-
und Beamtenreform organisieren sollen. Irgendwie, meint sie, sei das ein Glücksfall für ihre Generation
gewesen, die Unabhängigkeit just zu diesem Zeitpunkt. Weil so viele Kader und Funktionäre ausgetauscht
werden mußten, entstand im gesamten öffentlichen Raum ein Vakuum, das dann die Generation um Karin und
Reet auszufüllen begann. Sie hat in Tartu und London Politologie studiert und jetzt sitzt sie mit ein paar anderen
Leuten, die genauso jung sind wie sie, sieben Meter Luftlinie entfernt vom Premierminister. Der war übrigens,
als er das Amt antrat, gerade mal 32 Jahre alt. Jetzt ist er 39 und das fände er schon ziemlich alt.
Vor seinem Arbeitszimmer fotografieren die Touristen die russisch-orthodoxe Alexander Newsky-Kathedrale.
Wenn der Premier das Fenster aufmacht, kann er mit den Leuten sprechen. Estland ist ein kleines, ein sehr
direktes Land, in er jeder jeden um eine Ecke kennt.
Laas sei übrigens sehr fleißig, was Texte schreiben angeht, sagt Karin. Uns bleibt da gar nicht so viel zu tun.

Koketterie. Es ist natürlich übertrieben, es bleibt genug zu tun, schließlich geht es um den Auf- und Umbau einer
Republik mit 1,5 Millionen Einwohnern, und um die Überwindung eines Systems, das den Menschen alles
mögliche abverlangte, nur eines nicht: Initiative.
Sagt Salme Raatma, eine alte Dame, die mit einem deutschbaltischen Pfarrer schwedischer Abstammung
verheiratet war, während des Zweiten Weltkriegs 1940/41 „heim ins Reich“ gerufen wurde, um dann, nach dem
Krieg in den 60er Jahren, von Deutschland nach Finnland auszureisen, um wenigstens in der Nähe der Heimat
zu sein (Estnisch und Finnisch gehören zur selben Sprachfamilie).
Als Exilestin und Schriftstellerin schreibt sie Kindergeschichten und Lyrik für estnischsprachige Publikationen,
gerade auch für Auslandsesten in Kanada, Australien, Europa. Ein Großteil ihrer Werke ist ins Deutsche,
Schwedische und Finnische  übersetzt. Heimatverbundenheit funktioniert ganz wesentlich über Sprachpflege.

Meine Familie ist hauptsächlich in Estland geblieben, erzählt also Salme Raatma. Sie selbst pendelt seit der
Öffnung Anfang der 90er zwischen Turku/Finnland und Tallinn. (Mit 84 Jahren: zuerst der Bus von Turku nach
Helsinki, dann der Stadtbus zur Fähre, die Fähre nach Tallinn, dort holt sie ihr Neffe ab.)
Meine Schwestern sind in Estland geblieben und jetzt können sie mit den Neuerungen und Veränderungen
überhaupt nichts anfangen, ihre Rente ist lächerlich gering, klagen sie, das wäre unter der kommunistischen
Herrschaft anders gewesen,  und das wichtigste Gesprächsthema ist, wo man heute die Butter um 20 Kopeken
billiger bekommen könne. So etwas wie Europa oder die EU, das spielt ja gar keine Rolle, das ist ja so
furchtbar weit weg! Himmlische Güte! Meine Schwestern verstehen ja nicht einmal, warum ich, Salme, zwischen
zwei Ländern hin- und herfahre, und weil sie das nicht verstehen, sind sie dagegen!
Und deshalb sperren sie sich auch gegen Europa. Weil sie nichts darüber wissen. So.

Okay, sagt Reet, dieser Einschub macht klar, daß das mit Europa und der EU nicht so einfach ist, vor allem
nicht für die älteren Leute. Aber ich dachte, in deinem Bericht soll es um die Jugend gehen?
Ja, klar, aber es spielen doch auch Befindlichkeiten, die in Estland in Bezug auf Europa vorhanden sind, eine
Rolle. Und das Nicht-Wissen ist tatsächlich ein starkes Argument. Denn etwa 70% der Bevölkerung hat keine
Meinung zu Europa. Im restlichen Drittel halten sich Europagegner wie -befürworter in etwa die Waage.

Szenenwechsel. Das Office of European Integration. Gerli Tannilo, zuständig für Publikationen, die ihr Büro in
ganz Estland vertreibt, erklärt, wie solche Zahlen zustande kommen.

In Estlands Landwirtschaft arbeiten ca. 10% aller Beschäftigten, etwa ein Viertel des Staatsgebiets wird
landwirtschaftlich genutzt. Nach der politischen Umwälzung 1991 wurde rasch klar, wie marode und wenig
produktiv das gesamte System war. D.h. unsere Bauern haben andere Sorgen, als sich um die EU zu kümmern,
ihnen geht es in erster Linie um’s wirtschaftliche Überleben. -

Wie erreichen Sie denn die Bevölkerung? Was unternehmen Sie gegen die Indifferenz in Bezug auf Europa?

Es ging uns vor zwei Jahren darum, „Euroinformations“- Punkte im ganzen Land aufzubauen. Das haben wir seit
1997 getan; in jeder der 15 Provinzen gibt es heute ein Informationsbüro. Alle sind miteinander vernetzt, wir
informieren und updaten regelmäßig die Gemeinden und Kreisverwaltungen. Wir haben mittlerweile auch
ständige Radio- und Fernsehkorrespondenten in Brüssel. Es ist für uns ganz wichtig, den Leuten eine
persönliche Verbindung zu Europa zu geben, also Antworten zu finden auf die Frage: Was bringt die
Europäische Union konkret für mich? Das heißt aber auch, daß wir auf die unterschiedlichen Bedürfnisse
reagieren müssen - wir möchten keine Zweiklassen-Bürger: auf der einen Seite die, die von der EU profitieren,
wie Geschäftsleute, junge Unternehmer, Studenten; und auf der anderen Seite diejenigen, die mit ihr nichts
anfangen können, die Angst haben, daß Estland ein weiteres Mal staatliche Souveränität zugunsten eines
konstruierten, übergroßen und übermächtigen Gebildes aufgeben wird.

Wie beurteilt denn die russische Minderheit diese Bemühungen?

Das ist in der Tat ein Problem. Man muß verstehen, daß die Russen aufgrund der sowjetischen Herrschaft nicht
immer wohlgelitten sind. Aber sie machen knapp ein Drittel der Bevölkerung aus, d.h. sie gehören zu unserem
und in unser Land. Man kann sich einbürgern lassen, dafür ist es allerdings notwendig, die estnische Sprache
zu beherrschen. Viele, besonders ältere Russen, haben damit ein Problem. Zurück nach Rußland können sie
allerdings auch oft nicht, weil sie keinerlei Beziehungen dorthin haben. Manche ihrer Kinder sind auch nicht mit
Estnisch aufgewachsen, weil sie nur in russisch-sprachigem Umfeld groß geworden sind. Die haben von der
EU nicht so viel.

Zum Beispiel Alexander. 21, schwul, Jeansjacke und Handy, das Statussymbol unter Jugendlichen. Seine Eltern
sind unter Stalin nach Estland umgesiedelt, gehörten während der UdSSR zum Verwaltungsapparat. Seine
Schwester ist zwei Jahre älter und hat einen estnischen Freund. Sie hat jetzt einen estnischen Paß beantragt.
Alexander selbst spricht nur Russisch und gebrochen Englisch. Er hängt ziemlich resigniert auf einem
Barhocker und vor ihm dümpelt ein Bier. Obwohl es mir eigentlich nicht schmeckt. Grinsen. Ich: Rauchst du? Er:
Nö. Schmeckt mir erst recht nicht.
Ein paar Sätze zum Aufwärmen. Ich bin hier weil. Warst du schon mal in. Wo hast du denn Englisch. Dann:

Ich will nach Amerika. Das ist der einzige Ort, wo ich irgendwie hin kann. Ich hab jetzt eine Green-Card
beantragt. Weißt du, hier in Tallinn, hier ist doch nichts los. Nicht so wie in New York oder London. Ich war vor
einem Jahr mal in London. Das war ganz toll. Ich will auch mal nach Berlin, auf die Love Parade. Vor drei
Monaten war ich in Moskau. Da gibt es eine Location, wo es wie in amerikanischen Filmen zugeht, also ein
Riesenpartygelände, und die Leute fahren in einem geilen Schlitten vor und du kannst die Nächte wirklich
durchmachen. (Pause.) Aber eigentlich mag ich Amerika gar nicht. Ich mag Europa viel lieber. Ich fühl mich hier
zu Hause. Aber ich hab keinen estnischen Paß, ich krieg auch keinen, weil ich nicht estnisch spreche. Ich kann
nicht nach Berlin, und da ist ja nächste Woche die Love Parade. Da will ich unbedingt mal hin. Aber wie. Ich
weiß nicht.(Pause.) Auch, daß ich schwul bin, macht es nicht einfacher. Okay, es ist nicht verboten, wir haben
eine liberale Gesetzgebung in Estland, aber es gibt keine Szene, es gibt zwei, drei Kneipen, eine Disco. Das
ist nicht viel. (Pause.) Ich kann arbeiten. Hier in Estland find ich nichts. (Pause.) Ich glaube, in Amerika ist das
wirklich leichter. Ich weiß nicht.

Hm, meint Reet später, als wir einen Kaffee trinken. Auf einem Monitor läuft Viva, die Getränkekarte ist
halbdeutsch. Ein Klavierspieler spielt jazzige Weisen. Dr. Schiwago. Casablanca. Kennst du eigentlich
„Casablanca“? frage ich. Den Film? Nö, meint Reet. Nie von gehört.
Wir kommen darauf, daß wir trotz Europa in sehr unterschiedlichen Umgebungen aufgewachsen sind. Mit einer
Studentin aus Birmingham oder Uppsala hätte ich auch in einem Café sitzen können, und bei „Casablanca“
wäre uns eingefallen: Ich schau dir in die Augen, Kleines, Humphrey Bogart, Ingrid Bergman. Selbst, wenn man
nie den Film gesehen hat, man weiß: er gehört zum kulturellen Programm.
Ich glaube, an solchen Details wird klar, wie wenig wir eigentlich voneinander wissen, meint Reet. Oder was wir
uns alles an gemeinsamem Background unterstellen. Ich kenn das genauso von hier.
Hm, mache ich. Du hast recht. Einerseits kommt mir vieles so vertraut vor, Tallinn ist eine sehr nordeuropäische
Stadt, und mit den vielen Firmen aus dem Westen, denselben Logos und Werbeanzeigen unterscheidet sich
das Stadtbild nicht wirklich von anderen Städten. Nur wenn man aus dem Zentrum fährt, in die Vororte und
Plattenbausiedlungen, kann man ahnen, daß der Wandel nicht so rapide und grundsätzlich stattgefunden hat. -
Genau, sagt Reet. Auf dem Land sieht das auch anders aus.

Zweieinhalb Stunden mit dem Überlandbus und man ist Pärnu am Meer. Hier machen viele Esten Urlaub; auf
der Insel Saarema, die von hier aus mit dem Boot zu erreichen ist, hatte auch der russische Zar einen
Sommersitz. Gute Gesellschaft, weißer Strand, dänisches Bier, für die Esten teuer, für den Westen billig: ein
Mittagessen kostet zwischen drei und acht Mark. In Dokumentarfilmkreisen ist Pärnu kein unbekanntes Pflaster:
seit 1987 findet hier jährlich ein Dokufestival mit internationaler Beteiligung statt. Viele der ausgezeichneten
Produktionen stammen aus Skandinavien, Rußland und ehemaligen Ostblockländern. Aber auch japanische
und britische Preisträger sind darunter. Das Besondere an diesem Fest ist die Mischung zwischen Profi- und
semiprofessionellen Dokumentationen. Mark Soosaar, freier Filmemacher, Initiator des Festivals und Leiter
des Museums für Moderne Kunst legt Wert auf das Dokumentarische:

Manchmal möchte man herausfinden, wie die Welt, in die man zufällig hineingeraten ist, denn eigentlich
aufgebaut ist. Dann guckt man in ein Buch oder in einen Dokumentarfilm. Der Blick auf das Leben von anderen
Menschen ist oft so spannend wie ein Blick in den Weltraum.

Pärnu ist nicht repräsentativ. Hier genießt ein Land die Sonne. Hier sind Touristen, in den Pizzerien und
Weinstuben wird Deutsch verstanden. Wo liegt denn Estlands Zukunft, frage ich Rain Sannik aus dem
Europabüro.

Im Tourismus. Im Warenverkehr. Im Export von Rohstoffen, Estland ist der zweitgrößte Produzent von Ölschiefer
der Welt. Torf, Holz, Phosphorit werden auch exportiert. Wir haben in den letzten Jahren etwa 75% unserer
großen und mittelgroßen Staatsbetriebe privatisiert. Unsere wichtigen Bereiche sind Maschinenbau und
Elektrotechnik. Ich kann mir gut vorstellen, daß wir in der High-Tech-Kommuniktionsbranche expandieren,
obwohl andere uns eher auf dem landwirtschaftlichen Sektor erfolgreich sehen.

Das ist doch eine ziemlich ... journalistische Antwort. Wie siehst du persönlich denn das? Wo liegt denn für dich
Estlands Zukunft?

Rain schweigt eine Weile und guckt auf den Schreibtisch. Im Hintergrund klingelt ein Telefon. Kaffee röchelt sich
durch die Maschine.

Gute Frage. Ich weiß nicht. Ich hab mir darüber noch nicht so richtig Gedanken gemacht, merke ich.
Vielleicht ist es ganz gut, daß du das fragst. Ich werde mal anders drüber nachdenken.
Hast du sonst noch Fragen?

Ich klappe mein Ringbuch zu.

Im Augenblick nicht. Das nächste Mal.
Danke für alles. Nägemiseni.
 
 
 
 

copyright by johannes rosenstein
october 1999