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D a s   s i n g e n d e   K l a s s e n z i m m e r

Ungeordnete Eindrücke zu Wagners "Lohengrin"
Hamburger Staatsoper, 28.4.01
Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher
Inszenierung: Peter Konwitschny

Von Johannes Rosenstein

Richard Wagners „Lohengrin" als Schulstunde, auf die Idee muß man erst mal kommen. Der erste Eindruck aus
der 20. Reihe: hier stürmen wirkliche Pennäler in das altmodische 19. Jhdt-Klassenzimmer, aber es ist der
tatsächliche Chor, durch hervorragende Kostüme verjüngt und durch liebevolle Regie zu Schulmädchen und
-jungs mutiert, hier spielt jeder mit, wirft Schwämme oder Papierkugeln, kämpft mit Holzschwertern, und
benimmt sich ganz albern, also realistisch, wenn die Autoritätsperson fehlt. Ist der Lehrer außer Haus, tanzen
die Schüler.
Der Lehrer ist der König, weil er eine Krone trägt. Aber es geht doch eigentlich um Truppenaushebung, um
fehlende Fürsten, um Verrat und Intrige - wie paßt das ins Klassenzimmer?
Als Schulstunde.
Die Geschichte ist doch eigentlich furchtbar kraus und verquast und basiert auf einer Sage, die im 13.
Jahrhundert das erste Mal dichterisch fixiert worden ist. Im gleichen Jahrhundert wurde sie bereits recycelt und
schon da wurde die Handlung in die Zeit König Heinrichs I. verlegt, die Kämpfe gegen Ungarn und die
Sarazenen wurde mit hinein verwoben.
Wagner selbst benutzt also Material aus der Geschichte um daraus seine eigene Geschichte zu entwerfen,
knapp 600 Jahre später allerdings.
Plötzlich bekommt die Schulstunde einen ganz neuen Sinn: hier wird kenntlich gemacht, dass wir es in jedem
Fall mit Historie zu tun haben, mit einem interpretierenden Blick, mit einer (von Wagner) konstruierten Realität.
Dieser Aspekt steht immer im Mittelpunkt: dass alles Behauptete a) in der Vergangenheit liegt und deshalb b)
auch konstruiert ist.
Wenn Friedrich behauptet, Elsa hätte ihren Bruder Gottfried im Wald verloren, dann bastelt er an der
Geschichte.
Wenn Elsa einen fremden Ritter im Traum als Streiter für ihre Sache sieht, dann ist das ebenfalls ein Konstrukt
ihrer Phantasie.

Mir ist daher vieles, was auf das Konstruieren von Realität in der Inszenierung angelegt war, in Erinnerung
geblieben.
Das Tafelbild beispielsweise. Seit jeher muß man sich bei Wagner endlose Erklärungen anhören, die Personen
haben meistens kaum etwas zu tun, und ein Publikum, das die Geschichte nicht kennt, kann meist „nur" mit der
Musik etwas anfangen. (Die allerdings Grund genug ist, zum Wagner-Fan zu werden.)
So. Und jetzt tritt der Schüler Friedrich vor und malt das Problem an die Tafel. Herzog tot, Gottfried weg, Elsa
schuld. Genial. Vor allem: man kann in dem Bild herum malen, es erweitern, Teile durchstreichen, abwischen -
die Schultafel als lebendes Geschichtsbuch, als Ausdrucksmittel, dem man alles mögliche vorwerfen kann, nur
eines nicht: Distanz. Jeder kennt aus seiner eigenen Erfahrung Schulsituationen, man denkt und arbeitet
innerlich ganz beteiligt mit, es bedarf keiner umständlichen Erklärungen, hier ist jemand, der macht seine Sicht
der Dinge öffentlich.
Aber wo ist Elsa. Der Lehrer-König fragt, keiner antwortet. Sie hat sich im Schrank versteckt. Natürlich! Wo
sonst! Und völlig verständlich: schließlich verdächtigt man sie, sie ist überhaupt etwas sonderlich, mit ihren
Ritterträumen, da verbirgt man sich vor der In-Clique der Klasse. Überhaupt: die Klasse, die Edelmänner und
Edelfrauen. Wo sonst wechseln stürmische Anteilnahme und offene Ablehnung so herzerfrischend brutal
miteinander ab als bei Kindern?
Parteinahme im Erwachsenenleben funktioniert subtil, d.h. weniger bühnentauglich. Wir wollen große Gesten.
Sehen. Hören.
Kinder im allgemeinen, eine Schulklasse im Besonderen ist ein Mikrokosmos für Beziehungen, Freundschaften,
Feindschaften.

Diese Schulklasse hat einen weiteren unschlagbaren Vorteil: sie nimmt viel vom wagnerianischen Schwumpf,
der so ein Werk ummantelt. Tun wir doch nicht so: dieses präfaschistisch anmutende „Sieg! Sieg! Sieg! Heil!
Heil dir, Heil!" oder „Nie kehrt ein Held gleich dir / zu diesen Landen wieder", also das Führerprinzip, oder
dieses verkrampfte Frageverbot inklusive unerbittlichem Liebeskonzept („Nie sollst du mich befragen, noch
Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam' und Art") - was sollen wir denn damit
anfangen?
Das ist doch im höchsten Grade lächerlich, (wahrscheinlich nicht nur) aus heutiger Sicht. Und wir sehen und
hören eine Oper immer aus heutiger Sicht, auch wenn wir uns bemühen, sie einzuordnen. Ich möchte nicht die
wunderbare Musik schmälern, ich möchte nur daran erinnern, dass uns von Handlung und Inhalt her Wagner
während der Aufführung relativ gleichgültig sein kann, wir ziehen unseren Genuß nicht aus den
Handlungsanweisungen, sondern aus dem musikalischen Spiele. Würden wir Wagner denn ansehen, wenn der
Operntext gesprochen würde? Eben.
Ich meine: die Schulklasse macht nicht Wagner lächerlich, sondern die verquaste Sage, die Vehikel ist für eine
herrlich antiquierte Rahmenhandlung.
Damit wird sie aber wesentlich erträglicher!

Die Mädchen trippeln neugierig ins Zimmer, wunderbar zurechtgemacht, kichernd,  Ortrud spielt Orgel, ist
überhaupt glänzend in ihrer Verschlagenheit, mal am rechten, mal am linken Bühnenrand Ränke schmiedend.

Ganz schön kitschig, der gefallene Schwan, Gottfried, dafür rücken die Schüler schnell die Bänke aus der
Bühnenmitte, damit er aus der Versenkung aufsteigen kann. Woher sonst. Schön: es ist kein Schwan. Der ist
nur auf dem Programmheft, als Fragezeichen.

Schön: die Fragezeichen. Die Ausrufezeichen. Die Herzchen um E+!
Ja! Endlich benehmen sich die Leute mal nachvollziehbar! Gekränkt, verschwörerisch, kindisch. Kindlich, vor
allem Elsa, das Naivchen.

Sehr schön auch: das Spielen. Wenn Ortrud durch die Tür mit Elsa kommuniziert, wenn Elsa den Schlüssel holt,
wenn Ortrud ihren Telramund einsperrt, wenn Telramund sich vor den beiden verbirgt, das nehme ich ihnen in
diesem Schulalltag ab, da laufen so merkwürdige Dinge ab, da wird verschworen, da werden Feindinnen zu
scheinbaren Freundinnen, da wissen die Mädchen nicht so recht, was sie mit den Jungs anfangen sollen und
umgekehrt, der Lohengrin ist ja wohl ein Typ aus einem höheren Jahrgang, den himmeln die Mädchen natürlich
sofort an, dem darf man dann auch zu Füßen liegen, und dann wird dieses „Heil" erträglicher. Siehe oben.

Das Münster auf dem Kartenständer, vorher die teutsche Eiche.
Ja! Mehr davon!

Und es wird ja noch mehr. Das Münster wird eingerollt, die menschliche Anatomie aufgehängt, und siehe, sie
waren nackt, und gewahrten es nicht.
Die Schulklasse nimmt Anteil, und deshalb nehmen wir, das Publikum Anteil. Häufig steht der Chor irgendwo
kommentierend herum und weiß nichts rechts mit sich anzufangen, wahrscheinlich gehört diese Aufführungen zu
den wenigen, so jeder ständig beschäftigt ist, ohne dass es vom Stück ablenkt.
Wenn ein Mädchen die Stehlampe ins Zimmer stellt, voller Vorfreude, wenn die Turnmatten hereingeschleppt
werden - natürlich, warum nur den Feldaufschwung üben, wenn man auf solchen Matten Sex haben kann!
Endlich bekommen diese blauen Matten einen Sinn!
Diese Bilder bleiben auch, an diesen Bildern freue ich mich während der Entstehung und im Nachhinein. Ich
freue mich diebisch, und ich behaupte, auch die Schulklasse freut sich bei jeder Aufführung diebisch, etabliert
also ein Gefühl, dass die Szene verständlich, nachvollziehbar macht.
Weil Elsa natürlich wissen will, wer der fremde Ritter aus der Oberstufe ist, muß das ganze verkorkste Liebes-
und Treuekonzept scheitern.

Tja, und das letzte Bild. Da steht die Schulklasse recht verloren herum, des Klassenzimmers beraubt, der König
zieht mit ihnen in den Kampf, Lohengrin enthüllt sein Geheimnis, der Schwan fährt wieder empor, Gottfried ist
ein kleiner trauriger Soldat, der nicht weiß, was das ganze soll.

Da sieht man, was passiert, wenn man die Szenerie entfernt: das sichere Gefühl, das die Schule vermittelte,
das Gebäude, die Decke fehlt (die Decke: eine Inszenierung, deren Raum eine Decke zeigte, das kommt auch
selten vor, normalerweise begnügt man sich mit Seitenkulissen und oben ist es schwarz, hier gab es eine
Begrenzung, die Sicherheit gab).
Das kommt davon, wenn man seine Schüler in ein Leben entläßt, in dem Kampf herrscht und Frauen im letzten
Akt sterben müssen, damit irgendein diffuses Liebes- und Treue-Konzept aufgeht: es bleibt ein großes,
schwarzes Loch.
 
 

1.5.2001
essay by johannes rosenstein
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